Historie
60 Jahre Fernwärmeversorgung Niederrhein – was 1962 mit dem Visionär Gerhard Malina begann, ist heute eine Schlüsseltechnologie für die Wende zur Klimaneutralität.

Fernwärme – von der Kohle zu regenerativen Energien
Anfang der 60er Jahre ist Dinslaken vom Bergbau und der Stahlindustrie geprägt. Heimische Kohle für ein zusammenhängendes Fernwärmenetz: Mit dieser Idee, mit der alle Seiten nur gewinnen konnten, warb der Geschäftsführer der Stadtwerke Dinslaken Gerhard Malina 1961 im Rat der Stadt Dinslaken für den Aufbau einer Fernheizung auf Kohlebasis. Heizt jeder Haushalt weiterhin einzeln mit Kohle und bläst Ruß und Qualm ungefiltert in den Himmel? Oder bündelt man die Energie und erzeugt Wärme für viele in einem zentralen Heizwerk? Es wäre zugleich ein verlässlicher Abnehmer größerer Mengen Steinkohle. Denn während die Schlote rauchen, sterben die ersten Zechen. Der Rat stimmte zu.
Wie alles begann…
In Dinslaken rußen die Kohleöfen, während in den Nachbarstädten die ersten Zechen sterben. Da hat Gerhard Malina, der Geschäftsführer der Stadtwerke Dinslaken eine Idee: Ein zusammenhängendes Fernwärmenetz im Altkreis Dinslaken auf Kohlebasis wäre von Vorteil für alle Seiten. Der Ingenieur Dietmar Bartsch wird mit dem Projekt betraut, er wird 1991 in die Geschäftsführung der Stadtwerke aufrücken. Ab September 1962 fließt Fernwärme aus einer ersten Heizzentrale im ev. Krankenhaus in Dinslaken, im Dezember wird das Fernheizwerk auf der Kleiststraße in Betrieb genommen.
Die Wärme für das noch junge Fernwärmenetz wird vom Steinkohlekraftwerk Walsum bezogen. Dort werden Wärme und Strom in Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt, ein Prinzip, das bis heute zum guten Primärenergiefaktor der Fernwärmeversorgung beiträgt.
Am 29. November wird die Fernwärmeversorgung Niederrhein GmbH als Tochtergesellschaft der Stadtwerke Dinslaken gegründet. In Voerde werden die ersten Fernwärmeleitungen verlegt.




Eine Idee nimmt Fahrt auf
Aufnahme der Rohrverlegearbeiten in der neuen Betriebsstelle Dortmund-Scharnhorst. Im Dezember erfolgt die Fernwärmeversorgung für die Siedlung Dinslaken-Unterlohberg.
Aufnahme der Fernwärmeversorgung für die neuen Betriebsstellen in Bergkamen und Lüdenscheid-Wehberg.
Fernwärme für alle
Aufnahme der Fernwärmeversorgung für die neuen Betriebsstellen in Dortmund-Bodelschwingh, Krefeld-Fischeln und Kamp-Lintfort.
Aufnahme der Fernwärmeversorgung für die neuen Betriebsstellen in Hünxe-Bruckhausen, Moers-Rheinkamp und Duisburg-Rumeln-Kaldenhausen.
Inbetriebnahme des neu errichteten Spitzenheizwerks Dinslaken-Hiesfeld mit einer Leistung von 18,6 Megawatt.

Gegen dicke Luft
Erste Verlegung einer Kunststoffmantelrohrleitung in Duisburg-Walsum.
Mit jedem neuen Filter, der die Schadstoffemission in Kohlekraftwerken drosselt, wächst die CO2-Einsparung durch Fernwärme im Altkreis Dinslaken gegenüber der alten Versorgung durch private Kohleöfen. „Der Einsatz von Fernwärme ist auch praktizierter Umweltschutz“, heißt es in der Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der Stadtwerke Dinslaken 1978. „Die Dunstglocke im Raum Dinslaken/Duisburg-Walsum wird beispielsweise für dessen rund 100 000 Einwohner um jährlich 800 Millionen Kubikmeter ungereinigter Rauchgase entlastet.“

Visionär klimafreundlich
Mit der Nutzung industrieller Abwärme für Fernwärme wird ein europäischer Maßstab gesetzt. Der Bau der Fernwärmeschiene Niederrhein und die Einspeisung von Wärme aus industrieller Abwärme, die bislang ungenutzt in die Atmosphäre abgegeben wurde, sind bahnbrechend für eine umweltfreundliche Wärmeversorgung – 40 Jahre bevor diese als mitentscheidender Faktor für den Klimaschutz allgemein erkannt wurde.
Kraftvolle Leistung
Die STEAG AG nimmt das modernisierte Heizkraftwerk in Duisburg-Walsum in Betrieb. Aus Block 9 kann nun eine Leistung von 130 Megawatt für die Fernwärmeversorgung zur Verfügung gestellt werden. Verlegung der Verbindungsleitung zwischen dem Kraftwerk Walsum und der Übergabestation Römerstraße.
25 Jahre FN, 30 Jahre Fernwärme
30 Jahre nach dem Start der Fernheizung in Dinslaken gibt es in der Stadt 3150 Anschlüsse – das entspricht 60 Prozent Versorgung des damaligen Gebäudebestands.
Die Wärme wird je zur Hälfte aus industrieller Abwärme und aus KWK-Wärme aus dem Steinkohlekraftwerk der Steag in Walsum gewonnen – dies spiegelt die Verwurzelung des Energieversorgers in der von Bergbau und Stahlproduktion bestimmten Region wider. 2 bis 5 Prozent der Wärme sind Frischwärme aus FN-eigenen Heizwerken.
Gefeiert wird das doppelte Jubiläum, 30 Jahre Fernheizung in Dinslaken und 25 Jahre Fernwärmeversorgung Niederrhein, mit den Geschäftsführern Dietmar Bartsch und Uwe Meinen mit einem Tag der Offenen Tür auf dem Betriebsgelände Kleiststraße.
Effiziente Kraft-Wärme-Kopplung
Die Nutzung alternativer Wärmequellen entwickelt sich weiter. Die Stadtwerke Dinslaken schließen mit der RAG einen Vertrag über die Errichtung eines Blockheizkraftwerks auf Grubengasbasis zur Erzeugung von Wärme und Strom in Kraft-Wärme-Kopplung. 2014 wird am Standort ein Biomethan-BHKW in Betrieb genommen, 2019 wird dieses um ein ebenfalls mit Biomethan betriebenes Flex-BHKW ergänzt.
Errichtung von BHKW-Anlagen
Die Fernwärmeversorgung Niederrhein versorgt den Flughafen Köln/Bonn mit Wärme, Kälte und Strom aus einer eigens dafür errichteten BHKW-Anlage. Auch dieses Modell wird zu einem internationalen Referenz-Projekt.
Klein, kompakt und leistungsstark: die Fernwärmeversorgung Niederrhein beginnt deutschlandweit mit der Errichtung und dem Betrieb dezentraler Energieanlagen.
Kauf der WEP Hückelhoven
2004Die Fernwärmeversorgung Niederrhein übernimmt 2004 die WEP Wärme-, Energie- und Prozesstechnik GmbH in Hückelhoven. In der Region Heinsberg entstehen in den folgenden 20 Jahren Biomasse-Heizkraftwerke, die die dortigen, beständig wachsenden Fernwärmenetze mit Wärme beliefern. Seit 2023 ist die WEP an der H2HS GmbH beteiligt, die ab 2025 als erste im Kreis Heinsberg Wasserstoff in industriellem Maßstab erzeugen wird.

Wärme aus Biomasse
Das Biomasse-Heizkraftwerk an der Gerhard-Malina-Straße nimmt seinen Betrieb auf. Hier werden jährlich in Kraft-Wärme-Kopplung Wärme und Strom für 5.000 Haushalte erzeugt. Energieträger sind Holzhackschnitzel, die bei der Landschaftspflege anfallen.
Die FN baut im norddeutschen Hennstedt eine Fernwärmeversorgung auf der Basis von Biomethan auf. In diesem und den folgenden Jahren entstehen Nah- und Fernwärmesysteme auf Biomassebasis u. a. in Erftstadt und Illingen.
Die Stadtwerke Duisburg und Dinslaken gründen die Fernwärme Duisburg GmbH, zu der von nun an das Fernwärmenetz in Walsum gehört.

Effizientes Energiemanagement
Geschäftsführung und Fachbereich entscheiden sich für die freiwillige Einführung eines Energiemanagementsystems. Zum ersten Mal werden die Energieverbrauchswerte und -kosten aufgelistet und gegenübergestellt. Als Grundlage und zur Ermittlung von Vergleichswerten dienten die Jahre 2011 und 2012.
Die Fernwärmeversorgung Niederrhein GmbH wird zum ersten Mal nach der entsprechend gültigen Norm DIN EN ISO 50001:2018 zertifiziert und hat damit ein bis heute erfolgreiches und vor allem effizientes Energiemanagementsystem implementiert.
Ausbau der Fernwärme
In Voerde-Friedrichsfeld nimmt die FN das Biomasse-Heizwerk zur Versorgung ihres neu verlegten und in den folgenden Jahren rasant wachsenden Fernwärmenetzes seinen Betrieb auf. Die festliche Eröffnung findet im Rahmen der Klimawochen Ruhr 2016 statt. Denn schon in der ersten Anschlussphase werden durch die Umstellung der Wohnbeheizung von Erdgas und Heizöl auf Wärme aus Holzhackschnitzel rd. 1.930 Tonnen CO2 gespart.
In Bad Laasphe wird die Bad-Laaspher Energie GmbH gegründet. Die Errichtung einer Fernwärmeversorgung an der Lahn ist aus einer erfolgreichen Bewerbung der Stadt als KWK-Modellkommune NRW hervorgegangen. Die Wärme wird in drei BHKW in Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt. Die Bad Laaspher-Energie, eine gemeinsame Gesellschaft der Stadt Bad Laasphe und der FN, vertreibt auch den Wittgensteiner Landstrom.
Wärme aus Lohberg
In Lohberg nehmen die Stadtwerke Dinslaken ihr erstes Flex-BHKW in Betrieb. Wie das seit 2011 am gleichen Standort betriebene BHKW dient ihm Biomethan als Brennstoff, erzeugt werden Strom und Wärme in Kraft-Wärme-Kopplung. Doch hier enden die Vergleiche. Denn das neue BHKW braucht lediglich fünf Minuten, um vom Ruhestand in den Erzeugungsbetrieb zu gehen. Und das macht es besonders effizient und wirtschaftlich: Es produziert nicht nur Wärme, sondern auch punktgenau Strom, wenn dieser auch auf dem Markt benötigt wird.
Viel erreicht und es geht weiter
2021
Der Firmenverbund der FN gehört mit einer Netzlänge von über 700 km und einem Anschlusswert von über 900 MW zu einem der größten Fernwärmeversorgungsunternehmen in Deutschland. Die Wärmeerzeugung aus Steinkohle ist entlang der Fernwärmeschiene Niederrhein Geschichte.
Mitte der 2010er Jahre wird es absehbar, dass die Ära der Steinkohle zur Wärmeerzeugung aus Gründen des Klimaschutzes enden muss. Die Stadtwerke Dinslaken sind einmal mehr ihrer Zeit voraus und entscheiden sich 2017 für den Bau des DHE Dinslakener Holz-Energiezentrums für eine autarke Strom- und dekarbonisierte Wärmeversorgung Dinslakens. Noch im selben Jahr werden die Bürger mit der ersten von drei Informationsveranstaltungen in die Projektplanung einbezogen. Ab 2022 rollen auf dem Gelände an der Thyssenstraße die Bagger.
Meilenstein in der Erzeugung
Das DHE Dinslakener Holz-Energiezentrums wird in Betrieb genommen.
Mona Neubaur, stellv. Ministerpräsidentin des Landes NRW, würdigt im Festakt zur feierlichen Inbetriebnahme die Anlage, die für Dinslaken und die Region neue Maßstäbe setzt. Auf der Basis von Altholz werden in der hochmodernen Anlage künftig etwa 380 GWh Wärme erzeugt. Gleichzeitig wird im DHE in Kraft-Wärme-Kopplung Strom produziert. Deshalb ist die Anlage besonders effizient.
Auf dem Weg zur klimaschonenden Wärmeversorgung der Region haben die Stadtwerke Dinslaken GmbH und die Stadtwerke Duisburg AG gemeinsam über ihre Tochtergesellschaft, der Fernwärmeverbund Niederrhein Duisburg/ Dinslaken GmbH & Co. KG (FVN) einen weiteren Meilenstein erreicht. Die Geschäftsführung der FVN unterzeichnete am 30. April, im Beisein eines Vertreters von thyssenkrupp Steel mit der Wallstein Unternehmensgruppe den Anlagenbauvertrag zur Errichtung einer Anlage zur Wärmeauskopplung am Drehkühler der Sinteranlage 3. Dort können künftig bis zu 200 GWh/a Wärme für rd. 15.000 fernwärmeversorgte Haushalte generiert werden. Die übertragbare Wärmeleistung beträgt rund 40 MW.
60 Jahre Fernwärmeversorgung
2026 feiert die Fernwärmeversorgung Niederrhein ihr 60-jähriges Bestehen, denn die GmbH wurde 1966 als Tochterunternehmen der Stadtwerke Dinslaken gegründet. Heute ist Fernwärme aktueller denn je und als wichtiger Baustein für das Gelingen der Wärmewende anerkannt. Der Weg, den man vor 60 Jahren in Dinslaken beschritt und seitdem konsequent verfolgt, hat sich als der richtige erwiesen.




















